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Rettungsdienst ermöglicht Doktorarbeit

von Familien-Blickpunkt.de am 12/08/2015 - 10:55 |

Themenfelder: Leben und Gesellschaft

Rettungsdienst ermöglicht Doktorarbeit

Kreis Offenbach - Der Eigenbetrieb Rettungsdienst des Kreises Offenbach stellt nicht nur die notärztliche Versorgung im Kreis sicher, er beschäftigt sich auch immer wieder mit wissenschaftlichen Fragen zur Weiterentwicklung der Notfallmedizin. „Wir wollen so die Qualität unserer Rettungsdiensteinsätze entscheidend verbessern. Denn letztlich kommt ein optimaler Einsatz des Notarztes immer dem Patienten und damit den Bürgerinnen und Bürgern des Kreises zu Gute und kann im Ernstfall über Leben oder Tod eines Menschen entscheiden“, betont Landrat Oliver Quilling.

Der Ärztliche Leiter Rettungsdienst, Dr. Frank Naujoks, etwa hat in den letzten Jahren den Einfluss elektromagnetischer Felder, wie sie unter Hochspannungsleitungen oder auf Bahnsteigen durch die Oberleitung entstehen auf die Qualität eines EKG im Rettungswagen untersucht. In Kooperation mit der Universität Frankfurt wurde vor einiger Zeit außerdem eine Wirksamkeitsstudie der Thrombolyse, also der medikamentösen Auflösung eines Blutgerinnsels in den Herzkranzgefäßen durchgeführt.

Schließlich wurde das Temperaturverhalten im Innenraum eines Notarztwagens sowie in einem Notarztkoffer anhand unterschiedlicher Temperaturszenarien im Sommer sowie im Winter ermittelt. „Hintergrund war, dass zum Beispiel Adrenalin in den Ampullen außerhalb des empfohlenen Temperaturbereichs von 5 bis 25 Grad Celsius sehr schnell seine Wirkung verlieren kann“, erklärt Naujoks. „Unsere Studie wollte nun die Temperaturen ermitteln, die in einem Medikamentenkoffer eines Notarzteinsatzfahrzeuges bei verschiedenen Außentemperaturen im Sommer und Winter in Mitteleuropa entstehen können.“ Das Ergebnis war überraschend. Naujoks: „Bei Lufttemperaturen bis maximal 27 Grad Celsius ließen sich in dem Koffer Temperaturen bis zu 44,1 Grad messen. Bei Lufttemperaturen bis maximal 24 Grad ermittelten wir dagegen lediglich Innentemperaturwerte bis zu 26,8 Grad. Bei einer Außentemperatur von minus 16 Grad fiel die Temperatur im Koffer zudem nicht unter 9,6 Grad.“

Im Winter reicht also die normale Beheizung des Fahrzeugs aus, um eine verminderte Wirksamkeit der Medikamente trotz strengem Frost zu verhindern. Bei Temperaturen über 27 Grad dagegen ist die Wirksamkeit der Ampullen bei Lagerung in einem Medizinkoffer gefährdet. „Wir haben uns daher entschlossen, temperaturempfindliche Medikamente im Sommer in einem entsprechend eingestellten Kühlfach innerhalb des Notarztwagens zu lagern“, so Naujoks. Die Ergebnisse der Temperatur-Studie wurden außerdem wissenschaftlich publiziert und auf internationalen Mediziner-Kongressen vorgetragen.

Passend zur aktuellen „Woche der Wiederbelebung“ untersuchte zudem vor kurzem der Doktorand Andreas Ernst, Oberarzt an der Asklepios-Klinik Langen, Fragestellungen der Wiederbelebungsforschung im Rahmen einer medizinischen Doktorarbeit. Hierzu nutzte er Erfahrungen und Ergebnisse aller Reanimationseinsätze des Rettungsdienstes des Kreises Offenbach in den Jahren 2006 und 2008. Ziel war die Untersuchung der Wirksamkeit der neuen europaweiten Leitlinien zu Wiederbelebungsversuchen durch den Rettungsdienst. Nach den inhaltlich deutlich veränderten Leitlinien, die Ende 2005 veröffentlicht wurden, fanden für hauptamtlichen Rettungsassistenten des Kreises Offenbach im Jahr 2007 intensive Schulungen statt, auf denen die neuen Wiederbelebungsabläufe eingeübt wurden. Die neue Richtlinie sollte vor allem die Reaktionszeit der Rettungsassistenten optimieren. Naujoks: „Nach dem Jahr hatten sowohl unsere Notärzte als auch ich das Gefühl, dass die Qualität unserer Wiederbelebungsversuche weiter verbessert wurde. Die Frage war aber, ob wir im Endeffekt auch tatsächlich mehr Leben retten konnten? Unser Gefühl sollte also nachvollziehbar und wissenschaftlich verifiziert werden!“ Hierzu wurden vom Doktoranden Andreas Ernst alle Reanimationseinsätze vor und nach der Schulung wissenschaftlich ausgewertet.

Neben statistischen Daten der jeweiligen Einsätze wurden bei allen Wiederbelebungsfällen des Rettungsdienstes das weitere Schicksal des Patienten wie etwa Tod an der Einsatzstelle, Tod im Krankenhaus, Entlassung aus dem Krankenhaus sowie der „neurologische Status“, beispielsweise bleibende Schäden am Gehirn, nachverfolgt. Hierzu mussten mehrere tausend Einsatzprotokolle gesichtet und ausgewertet werden. Insgesamt flossen rund 800 Patientenschicksale in die Studie ein.

„Letztendlich ergab sich kein statistisch nachweisbarer Unterschied für beide Zeiträume“, fasst Dr. Frank Naujoks, der die Doktorarbeit wissenschaftlich betreute, das Ergebnis der Promotion zusammen. Zwar leitete das Rettungsdienst-Team die Wiederbelebung meist schneller ein. Dennoch konnten im Endeffekt nicht mehr Patienten gerettet werden. Ein möglicher Erklärungsansatz ist die Tatsache, dass bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überlebenswichtige Minuten vergehen, in denen der Körper nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird. „Nur durch die unmittelbare Einleitung einer Herzdruckmassage durch Passanten, Freunde oder Verwandte, die den Kollaps beobachten, lassen sich Restvorräte von Sauerstoff aus der Lunge zu Herz und Hirn bringen“, macht Naujoks deutlich. Geschieht dies, hat der Rettungsdienst eine reelle Chance das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Bleibt das Herz durch mangelnde Wiederbelebung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes ohne jegliche Sauerstoffversorgung, haben auch die Rettungsversuche der Profis letztlich oftmals keinen Erfolg.

Landrat Oliver Quilling macht vor diesem Hintergrund noch einmal auf die bundesweite „Woche der Wiederbelebung“ vom 19. bis 26. September aufmerksam. Auch im Kreis finden dazu wieder Aktionen, statt, die das Thema „Wiederbelebung“ in das Bewusstsein rücken sollen. „So viele Menschen wie möglich sollten mit Wiederbelebungsmaßnahmen wie einer Herzdruckmassage aber auch anderen Erste-Hilfe-Maßnahmen vertraut sein. Denn man weiß nie, ob es nicht die eigene Mutter oder den eigenen Partner trifft und ob man selbst möglicherweise das Leben eines Menschen retten kann“, so der Landrat abschließend.

www.familien-blickpunkt.de



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