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Vom Rostklumpen zum Prunkstück

von Familien-Blickpunkt.de am 12/02/2012 - 15:29 |

Themenfelder: Leben und Gesellschaft

Vom Rostklumpen zum Prunkstück

Funde aus der Grabung bei Zellhausen sind restauriert.

Kreis Offenbach - Bei den Grabungen der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Offenbach und des Geschichts- und Heimatvereins Mainhausen im Herbst 2011 wurde im Umfeld der ehemaligen Zellkirche bei Mainhausen - Zellhausen ein mittelalterlicher Keller entdeckt. Die archäologischen Funde sind inzwischen gereinigt und wissenschaftlich untersucht. „Es ist immer wieder erstaunlich", so Erste Kreisbeigeordnete Claudia Jäger und Bürgermeisterin Ruth Disser bei der Präsentation der Ergebnisse, „welche Überraschungen solche Fundstellen bereit halten und was aus einem Rostklumpen bei sorgfältiger Restaurierung werden kann."

In diesem Fall handelte es sich um einen eisernen Schwertknauf, in den unzählige schmale Silberdrähte eingearbeitet sind, in der Fachsprache als „Silbertauschierung" bezeichnet. Zusätzlich ist die Oberfläche mit einem pflanzlichen Ornament versehen, wahrscheinlich sind Lilien dargestellt. Aufgrund seiner aufwendigen Verzierung ist der Zellhäuser Schwertknauf den seltenen karolingischen Prunkschwertern des 9. Jahrhunderts zuzurechnen, sein Besitzer muss ein sozial sehr hochgestellter Mann gewesen sein. Die Reste von mindestens zwei Glasgefäßen, deren Oberfläche mit aufgelegten Glasfäden verziert war, wurden ebenfalls nur von der Oberschicht der Bevölkerung benutzt. Glas war im frühen und hohen Mittelalter sehr kostbar und wird daher selten bei Grabungen gefunden.

Die anderen Metallfunde dagegen gehören zur normalen Haus- und Hofausstattung: Nägel, drei Messer, deren Griffe aus organischem Material vergangen sind, ein Beschlag und einige nicht näher bestimmbare Objekte. Zum ersten Mal wurde in Zellhausen auch eine Pfeilspitze entdeckt. Ein Knochenkamm kann aufgrund seiner Verzierung mit einem Fundstück aus dem weiter mainaufwärts gelegenen Karlburg verglichen werden, der in das 6. bis 9. Jahrhundert datiert wird. Der Kamm besteht aus drei Lagen, die man erst zusammennietete und danach die Zacken aussägte.

Die aufgefundene Keramik war nur teilweise das gewöhnliche Küchengeschirr, das in der näheren Umgebung hergestellt worden war. Scherben von sogenannten Reliefbandamphoren belegen, dass man diese großen Vorratsgefäße im 9./10. Jahrhundert aus dem Rheinland importierte.

Das Gebäude, aus dem die Funde stammten, war ebenfalls für diese Zeit außergewöhnlich. Es besaß einen etwa 7 mal 5 Meter großen Keller, die Steine waren nicht vermörtelt, sondern in Lehm gesetzt. Das Erdgeschoss war sicher in Fachwerk ausgeführt, aber verputzt und teilweise farbig bemalt. Jetzt wird versucht, die Stücke zumindest teilweise wieder zusammenzusetzen und die Muster zu rekonstruieren. Neben dem Keller entdeckten die Archäologen die Bestattung eines Mannes, dessen Skelett anthropologisch untersucht wurde. Er wurde über 60 Jahre alt, seine Knochen zeigten normale Verschleißmaßnahmen, nur seine Zähne waren in einem äußerst schlechten Zustand und müssen ihm große Schmerzen bereitet haben. Entgegen der ersten Vermutung, es handelte sich um einen Verurteilten, da keine Hand- und Fußknochen gefunden wurden, scheint das Fehlen dieser Knochen auf natürliche Ursachen zurückzugehen. Als nächstes sollen die Knochen mit naturwissenschaftlichen Methoden datiert werden, um herauszubekommen, ob der Tote ebenfalls aus dem Mittelalter stammt.

Der Keller liegt im Inneren einer etwa 10.000 Quadratmeter großen Befestigungsanlage westlich von Mainhausen - Zellhausen, von der obertägig nichts mehr zu sehen ist. Teile der Burg wurden bereits 2009 und 2010 archäologisch untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass es im 9./10. Jahrhundert einen ersten Befestigungsgraben gab, also zeitgleich mit dem neu aufgefundenen Keller. Um 937 herum wurde die Befestigung noch einmal verstärkt, in dem man einen weiteren, tieferen Graben mit innenliegender gemörtelter Mauer anlegte. „Die vielen aussagekräftigen Fundstücke", so Ruth Disser, „ermöglichen uns einen Blick in das Leben unserer Vorfahren direkt hier vor Ort. Das macht Lokalgeschichte besonders spannend und nachvollziehbar."

Es ist anzunehmen, dass die Burg bei Zellhausen in engen Zusammenhang mit dem Kloster Seligenstadt steht. Wahrscheinlich bestand sie schon, als Einhard im Jahr 828 die Reliquien der heiligen Marcellinus und Petrus von Steinbach an den Main brachte. Die Burg erfüllte also eine Art militärische Schutzfunktion für das Kloster und war zugleich Sitz der weltlichen Verwaltung. Auch von anderen Orten kennt man eine vergleichbare Kombination. „Die beeindruckenden Ergebnisse nicht nur dieser Grabung machen deutlich", so Claudia Jäger abschließend, „dass die Arbeit unserer Archäologinnen einen wichtigen Beitrag leistet, um kulturgeschichtlich relevante Artefakte für die Nachwelt zu erhalten."

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