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1897 - Streik der Isenburger Wäscherinnen

1897 - Streik der Isenburger Wäscherinnen

Veröffentlicht: 29/05/2015 von Stadt Neu-Isenburg

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Seit Anfang Mai befinden sich die Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes in einem unbefristeten Warnstreik. Das Streikrecht ist ein Grundrecht. Bereits 1897 gingen in Neu-Isenburg die Wäscherinnen auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Darunter auch Elise Streb, die als Mitorganisatorin des ersten Frauenstreiks in Deutschland gilt.

Elise Streb wohnte 1897 in Neu-Isenburg. Sie war 73 Jahre alt und führte ein hartes Leben. Denn sie war eine der 208 Wäscherinnen, die in 76 Wäschereien der Stadt beschäftigt waren. Die wichtigsten Kunden waren wohlhabende Frankfurter Familien. Die Wäsche wurde bei den Kunden per Handwagen abgeholt oder von Fuhrleuten angeliefert. Und nun begann Elise Strebs Arbeit: Sie weichte die Wäsche in große Wannen ein. Die Lehrmädchen transportierten das nötige Wasser in Bottichen von den Brunnen draußen im Hof auf Schubkarren herbei. Dann wurde die nasse und deshalb besonders schwere Wäsche in die Waschkessel gewuchtet und gekocht. Sie wurde mit großen hölzernen Löffeln umgerührt und auf Waschbrettern geschrubbt. Anschließend brachte man sie zum Bleichen auf die nahegelegenen Wiesen, wo sie mehrmals begossen und gewendet wurde. Nun wurde gestärkt und gebügelt. Bis die Wäsche wieder nach Frankfurt zurückgebracht werden konnte, vergingen etwa zwei bis drei Tage.

Elise Streb kannte keine geregelte Arbeitszeit. Sie arbeitete im Allgemeinen von 6 Uhr früh bis 11 Uhr abends. Oft kamen Überstunden hinzu, die von der Mehrzahl der Wäschereibesitzer nicht bezahlt wurden. Für Elise Streb war es keine Seltenheit, dass sie zwischen 70 und 90 Stunden in der Woche arbeitete. Und das bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von 8 bis 9 Pfennigen. Ein Pfund Mehl kostete damals 18 Pfennige, den Lohn für 2 Arbeitsstunden. Für ein Pfund Zucker zum Preis von 27 Pfennigen musste eine Wäscherin mindestens 3 Stunden arbeiten. Ein Pfund Butter kostete sogar einen ganzen Tageslohn.

Die Unzufriedenheit unter den Neu-Isenburger Wäscherinnen und Büglerinnen wuchs von Jahr zu Jahr. Sie versuchten aufzubegehren, aber das war für Frauen damals ein großes Problem, da sie sich politisch nicht betätigen durften. Es war ihnen aber ab 1892 erlaubt, Arbeiterinnenvereine zu gründen, die keine politischen Ziele verfolgten. Elise Streb und ihren Kolleginnen kamen der in Neu-Isenburg wohnende und arbeitende Sozialdemokrat und Gewerkschaftler Gustav Jacob Freitag und die in Frankfurt arbeitende Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Henriette Fürth zu Hilfe. Mit ihrer Unterstützung gründeten sie am 22. Juni 1896 den "Allgemeinen Frauen- und Mädchenverein", der, vage und vielfältig deutbar, die "materielle und geistige Hebung der Lage der Arbeiterinnen" zum Ziel hatte. Bis zum Ausbruch des Streiks war die Mitgliederzahl auf 174 Frauen und Mädchen angestiegen. 130 von ihnen traten am 12. April 1897 in den Ausstand. Ihre Forderungen lauteten: "Einen Normalarbeitstag von 10 Stunden, an den Waschtagen von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, an den Bügeltagen von 8 bis 8 Uhr. Außerdem eine Frühstücks- und eine Vesperpause von je 20 Minuten und eine einstündige Mittagspause. Dazu angemessene Kost und menschenwürdige Behandlung, an der es besonders die Kinder der Unternehmer hätten fehlen lassen. Der Lohn solle pro Stunde betragen für eine erste Arbeiterin 15 Pfennig, für eine mittlere Arbeiterin 14 Pfennig und für eine jüngere (ausgelerntes Mädchen) 10 Pfennig. Überarbeitszeit solle zu gleichen Sätzen gezahlt werden."

Die Neu-Isenburger Wäschereibesitzer sahen keinen Grund nach Ausrufung des Streiks einzulenken und die Chancen der Wäscherinnen, den Ausstand erfolgreich zu beenden, verschlechterten sich mit jedem Streiktag, da den Familien der Verdienst der Frauen fehlte. Da war es gut, dass man in Elise Streb eine Streikführerin hatte, die es immer wieder schaffte, resignierende Frauen aufzumuntern und zum Durchhalten zu bewegen. Mit ihrer jugendlichen Begeisterung und ihrem unerschütterlichen Vertrauen in die gute Sache riss sie andere, wenn sie verzagen wollten, immer wieder mit sich fort. Aber auch Elise Streb hätte auf Dauer den Ausstand nicht zum Erfolg führen können.

Überraschenderweise bekam sie Hilfe von einer Seite, von der sie es nie erwartet hätte. Die bürgerlichen Frankfurter Frauenvereine riefen zu Spenden auf und diskutierten schließlich öffentlich, ihre Wäsche nicht mehr in Neu-Isenburg waschen zu lassen. Diese Drohung half. Nach siebenwöchigem Arbeitskampf trafen sich die Parteien vor dem Gewerbegericht für den Landbezirk des Kreises Offenbach. Elise Streb gehörte zu den sechs Vertreterinnen der streikenden Frauen, die schließlich am 1. Juni 1897 eine Vereinbarung zur Beendigung des Streiks unterzeichneten. Ihre wichtigsten Forderungen wurden darin erfüllt.

Elise Streb und ihre Mitkämpferinnen waren die allerersten, die jemals unter ein derartiges Dokument in Deutschland ihre Namen gesetzt haben. Sie hatten, vielleicht ohne es selber recht gewahr zu werden, eine große Tat vollbracht. Dennoch blieben sie schlichte Arbeiterinnen, die es nicht gewohnt waren, ihre Rechte mit der Feder zu erstreiten.

Quellen: Heidi Fogel, "Der Wäscherinnenstreik 1897" Sendung des Hessischen Rundfunks: "Streik der Neu-Isenburger Wäscherinnen", gesendet am 13. Juni 1959 Frankfurter Allgemeine Zeitung, "Der Wäscherinnen-Streik von "Neu-Isenburg", Adolf Kühn, 20.8.1977

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