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Zweifelhafte Datenbasis: Landrat kritisiert »Lernatlas«

von www.Familien-Blickpunkt.de am 20/12/2011 - 15:41 |

Themenfelder: Leben und Gesellschaft

Zweifelhafte Datenbasis: Landrat kritisiert »Lernatlas«

Kreis Offenbach - Die Bertelsmann-Stiftung hat einen bundesweiten ‚Lernatlas‘ vorgelegt. Das Ergebnis wirft für den Kreis Offenbach aber Fragen auf. „Nach intensiver Beschäftigung mit den einzelnen Werten und Zahlen müssen wir leider feststellen, dass das Ranking für uns als Kreis kaum Aussagekraft hat“, erklärt Landrat Oliver Quilling. Der Grund: Zahlen, die den Kreis betreffen, sind nicht nachvollziehbar, die Quellen wenig belastbar.

„Die Platzierung im Ranking hatte uns sofort stutzig gemacht“, so Quilling, „nun stellt sich heraus, dass etwa bei dem Wertungskriterium ‚Jungen Menschen ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz‘, die Bertelsmann-Stiftung mit Zahlen gearbeitet hat, die nicht kreisspezifisch sind.“

Dr. Miika Blinn, zuständiger Project Manager der Bertelsmann-Stiftung: „Falls verfügbar, nutzen wir für den Deutschen Lernatlas spezifische Daten und Kennzahlen für jeden Kreis und jede kreisfreie Stadt. Sofern Daten für eine Kennzahl nicht auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte verfügbar waren, wurden Daten der nächsthöheren Ebene verwendet und als Durchschnittswert auf alle Kreise übertragen. Dieses Verfahren ist methodisch wie statistisch konsistent und wurde auch beim Indikator ‚Junge Menschen ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz‘ angewendet. Die Daten zu dieser Kennzahl liegen uns leider nur als gemeinsame Zahl für ganz Offenbach – also Stadt und Landkreis – vor. Unterschiede, die sich zwischen Stadt und Landkreis ergeben, spiegeln sich in dieser Zahl nicht wider, eine Unterscheidung zwischen Stadt und Kreis Offenbach ist aber wegen der Datenbasis nicht möglich. Die entsprechenden Daten haben wir vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bezogen, das mit Zahlen der Arbeitsagenturbezirke arbeitet.“ „Fakt ist: Unsere zahlreichen Aktivitäten für Jugendliche – wie etwa die konsequente Berufswegebegleitung – spiegeln sich seit Jahren auch in positiven Arbeitsmarktzahlen wider“, betont Quilling. So waren Ende November im Kreis Offenbach nur 728 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos gemeldet. Das sind rund 330 weniger als im August und 169 weniger als im November des Vorjahres. Insgesamt entspricht dies einer Quote von 4,1 Prozent.

Quilling: „Damit liegen wir im Bereich der statistischen Vollbeschäftigung von Jugendlichen.“ Bei den 15 bis unter 20-Jährigen liegt die Quote nach neuesten Zahlen sogar bei lediglich 3,2 Prozent. Und die Tendenz ist weiter rückläufig. Im Ausbildungsjahr 2011 blieben im Kreis Offenbach bis Oktober lediglich 37 Jugendliche unversorgt. „Vielleicht findet der eine oder andere davon ja noch bis Ende des Jahres einen Ausbildungskontakt – beispielsweise über unsere Berufswegeberatung“, ergänzt der Landrat. „Im vergangenen Jahr haben von denjenigen, die sich innerhalb eines Jahres ausbildungsplatzsuchend gemeldet haben, letztlich alle bis auf 18 einen Ausbildungsplatz bekommen.“ Die Zahl der unversorgten Bewerber im Kreis Offenbach lag im Erhebungszeitraum des Lernatlas damit bei 0,7 Prozent. Hessenweit waren es im selben Zeitraum 1,7 Prozent. „Und wie gesagt, in diesem Jahr sind die Zahlen noch besser“, macht Quilling deutlich.

Dass es bei einem bundesweiten Ranking zu solchen Auffälligkeiten kommen konnte, spreche nur bedingt für eine fundierte Datengrundlage des Lernatlas, kritisierte Quilling. „So müssen wir feststellen, dass die Werte der Studie auch in Bezug auf das Ehrenamtliche Engagement, auf Engagierte bei Hilfsorganisationen oder die Zahl der Engagierten im Altenbereich, für uns so nicht nachvollziehbar sind. Sie unterscheiden sich beispielsweise erheblich von aktuellen Zahlen, die für den Kreis Offenbach von der TU Darmstadt zusammen mit dem Land Hessen für ein Freiwilligensurvey erhoben wurden! Hier liegt der Kreis, was das ehrenamtliche und soziale Engagement betrifft über dem Landes- und Bundesdurchschnitt!“

Fragwürdig sei auch der Punkt ‚Sportvereine in der Region pro Einwohner‘. Hier wurde offenkundig nicht direkt auf Zahlen aus den jeweiligen Sportkreisen, sondern im Fall des Kreises auf Zahlen von Dritten zurückgegriffen. Hinzu komme, dass bei den Punkten Lesekompetenz von Grundschülern, Lesekompetenz Deutsch, Lesekompetenz Englisch, Mathematische Kompetenz sowie Naturwissenschaftliche Kompetenz immer die Ergebnisse des jeweiligen Bundeslandes bei PISA oder Iglu-Studie genommen werden, ohne dass dies auf den ersten Blick deutlich werde. Quilling: „Nur wer eine kleine Fußnote beachtet, erkennt dass es sich hier um ‚Mittelwerten einer höheren räumlichen Ebene‘ handelt. Das heißt: Alle Kreise Hessens haben hier denselben Wert. Dem Wertungskriterium ‚Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss‘ liegen zudem laut Aussage des Mitarbeiters der Lernstudie vor allem die Schülerzahlen an Förderschulen zu Grunde. Schülerströme aus umliegenden Kreisen und Städten in Förderschulen eines Kreises werden hier dem jeweiligen Schulstandort zugerechnet.“ Warum ausschließlich die Zahl der Ehrenamtlichen Helfer des Roten Kreuzes in die Studie einfließt, das Engagement bei Maltesern, Johannitern oder anderen Hilfsorganisationen nicht berücksichtigt wird, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar.

Er sei sich sicher, mit einer genaueren Datenbasis und einer exakteren Methodik würde der Kreis in einem entsprechenden Ranking wesentlich besser abschneiden, machte Quilling abschließend deutlich. So jedenfalls sei die Studie für den Kreis bedeutungslos!

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