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Notfallseelsorge und Kriseninterventionsteam: Dasein, wenn die Not am Grössten ist

von Familien-Blickpunkt.de am 28/02/2012 - 14:55 |

Themenfelder: Leben und Gesellschaft

Notfallseelsorge und Kriseninterventionsteam: Dasein, wenn die Not am Grössten ist

Sie stehen Unfallopfern und Angehörigen zur Seite, wenn das Leid am größten ist. Notfallseelsorger bieten Trost, Gespräche oder einfach nur eine stützende Schulter. Immer häufiger werden sie zum Einsatz gerufen: Etwa wenn ein kleines Kind nach einem Sturz stirbt, ein Mann beim Spaziergang mit seiner Frau plötzlich einen Herzinfarkt bekommt und in die Klinik gebracht wird, die Reanimierung einer jungen Frau nach einem schweren Verkehrsunfall erfolglos bleibt, und man die Angehörigen dann nicht allein lassen kann.

Der Kreis Offenbach ist diesbezüglich gut aufgestellt. Er arbeitet auf evangelischer Seite mit den Dekanaten Rodgau sowie Dreieich zusammen. Kooperationspartner auf katholischer Seite sind die die Dekanate Rodgau, Dreieich und Seligenstadt. Zudem wird von der Leitstelle das Kriseninterventionsteam der Malteser eingesetzt.

Eine punktuelle Zusammenarbeit zwischen einem Kriseninterventionsteam sowie Pfarrerinnen und Pfarrern existiert im Kreis Offenbach schon seit 1996. „Mit der Benennung von Beauftragten für Notfallseelsorge haben die evangelische und die katholische Kirche im Kreis Offenbach im Jahr 2008 dann damit begonnen, ihr Angebot an „Erster Hilfe für die Seele" neu zu strukturieren. Seitdem haben Polizei und Rettungskräften verlässliche Ansprechpartner mit festen Dienstplänen. Damit ist sichergestellt, dass die Notfallseelsorge da ist, wenn sie gebraucht wird", zieht Landrat Oliver Quilling Bilanz.

Angefordert wird die Notfallseelsorge von der Einsatzleitung vor Ort - und das stets in Absprache mit Betroffenen, Angehörigen von Opfern oder unter Schock stehenden Zeugen von Verbrechen oder Unfällen. Meist nach Unfällen, bei Überbringung einer Todesnachricht durch die Polizei oder beim plötzlichen Tod eines Angehörigen, oder nach Gewaltverbrechen. Quilling: „Hinzu kommt die Betreuung und Unterstützung von Einsatzkräften nach sehr belastenden und besonders kritischen Einsätzen!"

Das Team der Notfallseelsorge rekrutiert sich aus 23 umfassend ausgebildeten Frauen und Männern, die hauptamtlich im Gemeindedienst und in der Seelsorge arbeiten. Die kirchliche Notfallseelsorge verfügt zudem mit den Kirchen- und Pfarrgemeinden vor Ort über ein engmaschiges Netz für die Nachsorge und die weitere Begleitung der Betroffenen nach schlimmen Ereignissen. Die Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Religionen und Kultusgemeinden ist dabei selbstverständlich. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es inzwischen die ersten muslimischen Notfallseelsorger.

Während in der Notfallseelsorge hauptberufliche kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind, die zusätzlich zu ihrer normalen Aufgabe 24-Stunden-Schichten von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends übernehmen, sind es auf Seiten des Kriseninterventionsteams vor allem Ehrenamtliche, mit einer speziellen Ausbildung, die hier zum Einsatz kommen. Psychologie, medizinische Gesichtspunkte und soziale Kompetenz stünden dabei im Mittelpunkt, so Quilling. „Jeder kann erahnen, wie viel Einfühlungsvermögen, Professionalität und Engagement diese schwierige Aufgabe erfordert. Und sicher stoßen auch die Helfer selbst ab und an an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit", weiß der Landrat. „Daher sind persönliche Reife, Menschlichkeit, Teamfähigkeit sowie die Bereitschaft zur Reflexion und Supervision wichtige Voraussetzungen, um diese Ausbildung überhaupt absolvieren zu können!"

Notfallseelsorger und Kriseninterventionskräfte bilden bei den Einsätzen übrigens grundsätzlich gemeinsame Teams. Die frühzeitige Alarmierung organisiert und koordiniert die Rettungsleitstelle des Kreises Offenbach in Dietzenbach. „2010 kamen Notfallseelsorge oder Kriseninterventionsteams rund 90mal zum Einsatz, 2011 rund 75mal, und dieses Jahr schon 15mal", berichtet Ralf Ackermann, Leiter des Gefahrenabwehrzentrums des Kreises Offenbach.

Die Rettungsleitstelle achtet bei einem Einsatz laut Ackermann vor allem auf „möglichst kurze Alarmierungszeiten und Wege nicht nur für die Rettungskräfte, sondern auch für die Mitarbeiter in den Kriseninterventionsteams und in der Notfallseelsorge, eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung in Notsituationen, die Zusammenstellung von Einsatzteams aus Kriseninterventionsdienst und Notfallseelsorge, die ihre verschiedenen Kompetenzen einbringen, sowie für die Begleitung der Angehörigen von Patienten ins Krankenhaus, beispielsweise im Fall einer erfolgreichen Reanimation".

Krisenintervention und Notfallseelsorge seien keine Psychotherapie, sondern lediglich eine Intervention im Sinne der „ersten Hilfe für die Seele", macht Frithjof Decker, Koordinator der evangelischen Notfallseelsorge in Stadt und Kreis Offenbach deutlich. Im Vordergrund steht dabei die Wiederherstellung der Bewältigungskompetenz der betroffenen Personen. In der Regel besitzt der Mensch nämlich spezielle Bewältigungsmechanismen um einschneidende Erlebnisse und Krisen zu bewältigen.

Notfallseelsorge und Kriseninterventionsteam unterstützen und fördern das Greifen dieser Selbstheilkräfte in der entscheidenden Phase unmittelbar nach einem Unglück – und das mit viel Mitgefühl und psychologischem Geschick. Ihr primäres Ziel ist es, eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung zu verhindern. „Die Mitarbeiter der Notfallseelsorge oder des Kriseninterventionsteams können eine solche Verletzung der Seele nicht immer verhindern, aber möglicherweise eingrenzen - allein durch sogenannte Entlastungsgespräche an Ort und Stelle sowie durch das perspektivische Aufzeigen professioneller Hilfsangebote", so Pfarrer Decker. Und manchmal helfe es schon, wenn einfach mal in unübersichtlichen Krisensituationen jemand ein offenes Ohr für einen hat.

www.familien-blickpunkt.de



Kommentare


29/02/2012 - 08:23

Schöner geschriebener Artikel.

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